Hans Georg Otto, 6.11.2007

Dunkelgräfin – alles bleibt beim Alten
Kommentar zum Film "Die vertauschte Prinzessin" in der MDR-Sendereihe "Geschichte Mitteldeutschlands", der am 28.10.2007 gesendet wurde

Siehe die diesbezügliche Internetseite des MDR

Der Film zeigte im Wesentlichen Altbekanntes über die Vertauschungshypothese, die insbesondere von V. Maeckel, dem Prinzen Friedrich von Sachsen-Altenburg und Helga Rühle von Lilienstern, der Ehrenbürgerin von Hildburghausen, vertreten wurde bzw. wird. Diese Hypothese ist zwar die populärste und plausibelste, aber sie ist nicht unumstritten. Dieser Tatsache trug der Film Rechnung, ging aber über das bekannte Für und Wider nicht hinaus. Solange diese Hypothese in ihren grundsätzlichen Aussagen nicht widerlegt werden kann, bleibt sie gültig.

In den letzten Jahren mehren sich die Zweifler der Hypothese, denen die Argumente für eine wissenschaftliche Beweisführung nicht ausreichen. Dazu gehört auch der Interessenkreis "Madame Royale", dessen Mitglied Thomas Meyhöfer auf dem 7. Symposium erstmalig öffentliche Kritik an der Vertauschungshypothese übte.

Von kleinen Unsachlichkeiten abgesehen, dazu gehört auch die angedeutete Liebschaft zwischen dem Dunkelgrafen und der Dunkelgräfin, wofür sich in der Literatur keine Hinweise finden lassen – außer Vermutungen, stellt der Film einen gut gelungenen Versuch dar, die "kleine Geschichte" darzustellen. Leider verpassten die Filmemacher die Gelegenheit, auch ein wenig zur Wahrheitsfindung beizutragen. In dieser Hinsicht war die Erwartungshaltung vieler Interessierter und insbesondere des Interessenkreises sehr hoch.

Der Versuch eines Vergleiches von Handschriften lief etwas daneben, weil der zitierte "Geburtstagsbrief" eine völlig ungeeignete Vorlage ist. Er kann aus mehreren Gründen dafür nicht herangezogen werden. Der Hauptgrund besteht darin, dass zu einer derartigen Untersuchung das Original vorliegen muss und hier nur die Kopie einer Blaupause zur Verfügung stand, denn das Original existiert nicht mehr. Es wäre sinnvoller gewesen, eine tiefgründigere Analyse zu starten, indem mehr als zwei handschriftliche Zeugnisse verglichen werden, die kurzzeitig hintereinander entstanden sind, z.B. vor, während und nach dem Tempelaufenthalt der Prinzessin, aus den Jahren 1792 bis 1799. Der Interessenkreis stellte dem Filmteam eine Liste mit den betreffenden handschriftlichen Äußerungen einschließlich der Angaben ihrer Archivierungsorte zur Verfügung. Leider wurde aber davon kein Gebrauch gemacht. Anstatt einen anerkannten (bestätigten) französischen Handschrift-Sachverständigen zu befragen – alle Schriftstücke sind in französischer Sprache abgefasst – wurde ein deutscher, kaum bekannter Graphologe angehört.

Es wäre auch denkbar gewesen, wenn man aus dem Sarkophag der Herzogin von Angoulême, der sich in der Bourbonengruft im Franziskaner-Kloster "Kostanjevica" bei Nova Gorica (heute Slowenien) befindet, DNA-Material entnommen hätte, um einen genetischen Vergleich mit Marie Antoinette bzw. Dauphin Carl (Ludwig XVII.) zu realisieren. Auf die Frage "Gibt es gemeinsame Merkmale oder nicht?" könnte eine Antwort gegeben werden, ob die Herzogin von Angoulême wirklich die Tochter der Königin Marie Antoinette, d.h. die Prinzessin Marie-Therese-Charlotte von Bourbon war, denn – wenn sie es war, muss die Dunkelgräfin eine andere, uns noch unbekannte Person gewesen sein.

Gegen Ende des Filmes wird die Situation in einer Frage charakterisiert: "Marie-Therese von Frankreich war die Dunkelgräfin also nicht, also einfach nur die bürgerliche Geliebte des Grafen, zu der er sich nicht öffentlich bekennen wollte...?". Der Film legt sich nicht fest, kann die Aussagen weder bestätigen noch widerlegen, weil sowohl die Hypothese als auch einige Gegenargumente häufig auf Indizien und Vermutungen basieren. Exakte wissenschaftliche Beweise fehlen bis heute. Und so hat wahrscheinlich der Film nur den Mythospflegern in Hildburghausen einen Gefallen getan, indem er über die Region hinaus das Interesse an der Story wiederbelebt hat. So bleibt zunächst alles beim Alten, aber die "Debatte" geht weiter.

Autor:
Hans Georg Otto

Der Beitrag wurde am 22.11.2007 in der "Südthüringer Rundschau" veröffentlicht.

 

© Interessenkreis "Madame Royale" - Letzte Aktualisierung am 10.11.2007