Die Vertauschungstheorie um Madame Royale
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Vorgeschichte |
| Marie Thérèse
Charlotte von Frankreich war eine Tochter von König Ludwig XVI. und
seiner Gemahlin Marie Antoinette. Sie wurde am 19. Dezember 1778 in
Versailles geboren und wuchs im dortigen Schloss auf. Als erstgeborene
Tochter des Königspaares erhielt sie den offiziellen Titel "Madame
Royale".
Die Ereignisse der Französischen Revolution führten dazu, dass die königliche Familie 1789 Versailles verlassen musste und fortan das Stadtschloss Tuilerien bewohnte. Während in der ersten Zeit noch viele Freiheiten bestanden, galten der König und seine Familie seit dem gescheiterten Fluchtversuch nach Varennes im Juni 1791 als Gefangene. |
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| Mit dem Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792 und der
folgenden Absetzung des Königs änderte sich die Situation grundlegend.
Madame Royale wurde zusammen mit ihren Eltern, ihrem Bruder und ihrer
Tante im Pariser Gefängnis "Temple" inhaftiert. Ihre Eltern und
ihre Tante wurden 1793 bzw. 1794 auf der Guillotine hingerichtet, ihr
Bruder starb Mitte 1795 im Gefängnis. Erst Ende 1795 kam
Madame Royale als letzte Überlebende der Königsfamilie nach
dreieinhalbjähriger Gefangenschaft frei. Sie wurde im Austausch gegen
mehrere in Kriegsgefangenschaft geratene Franzosen an Verwandte in Österreich
übergeben.
Weitere Einzelheiten können der |
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Die Vertauschungstheorie |
| Die so genannte Vertauschungstheorie geht davon aus, dass
Madame Royale in Österreich nicht ankam. Sie sei im Dezember 1795 auf der
Reise von Paris nach Wien im französisch-schweizerischen Grenzort Hüningen
heimlich durch eine andere Person ersetzt worden. Diese Austauschperson habe die Position und den
Namen Madame Royales übernommen und als spätere Herzogin von
Angoulême vor allem während der Restauration in Frankreich zwischen 1814
und 1830 eine wichtige politische Rolle gespielt.
Als Grund für diese Personenvertauschung wird unter anderem eine ungewollte Schwangerschaft angenommen. Madame Royale soll 1795 während ihrer Zeit im Temple vergewaltigt worden sein. Eine Person ihres Standes, die unverheiratet ein Kind von einem Mann niederen Standes erwartete, war zur damaligen Zeit nicht mehr "hoffähig". Eine geplante Hochzeit mit dem Erzherzog Karl vom Wiener Hof war damit hinfällig. Auch eine von Ludwig XVIII. (einem Bruder Ludwigs XVI.) angestrebte Hochzeit mit seinem Neffen, dem Herzog von Angoulême, war nicht mehr denkbar. So soll man sich entschlossen haben, die Prinzessin durch eine andere, nicht schwangere und damit heiratsfähige Person auszutauschen. Neben der Annahme der Schwangerschaft besteht weiterhin die Vermutung, dass Madame Royale während ihrer Gefangenschaft psychische Schäden erlitt. Sie soll sich mit der ihr zugedachten Rolle als Erzherzogin am Wiener Hof bzw. als Gemahlin des Herzogs von Angoulême und den damit verbundenen gesellschaftlichen Verpflichtungen überfordert gesehen haben. Es wird für möglich gehalten, dass die Vertauschung auf ihren eigenen Wunsch hin erfolgte. |
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![]() Ludwig XVIII. |
Auf eine Verheiratung wollte man damals nicht
verzichten, dazu gab es zu viele ökonomische und machtpolitische
Interessen. Madame Royale war als einzige Überlebende der königlichen
Familie Erbin des gesamten im Ausland hinterlegten Vermögens von Ludwig
XVI. und Marie Antoinette. Diese Finanzmittel wollte sich der Wiener Hof
sichern (durch eine Heirat mit Erzherzog Karl) und aus diesen Gründen war
auch Ludwig XVIII., der selbst kinderlos war, an einer Heirat mit seinem Neffen, dem Herzog von
Angoulême, interessiert. Für Ludwig XVIII. sollen zudem
Prestigegründe eine Rolle gespielt haben, denn er war der nächste
Anwärter auf den französischen Thron und eine "arme Waise
Königstochter" konnte ihm viele Sympathien im französischen Volk
sichern. Auch am österreichischen Hof hat man sich Hoffnungen
auf den französischen Thron gemacht, den man durch eine geschickte
Verheiratung Madame Royales glaubte besetzen zu können.
Lange Zeit war unklar, wer im Falle einer Vertauschung die Rolle
Madame Royales übernommen haben sollte. Auf Basis der Forschungen von Otto
Victor Maeckel glaubte man schließlich, eine passende Person
präsentieren zu können: Ernestine Lambriquet. Sie wurde
1778 angeblich als außereheliches Kind von Ludwig XVI. und der Kammerfrau
Philippine Lambriquet geboren. Nach dem Tod ihrer leiblichen Mutter im
Jahr 1788 soll sie von Königin Marie Antoinette adoptiert worden sein
(siehe den |
![]() Herzogin von Angoulême |
So soll schließlich Ernestine Lambriquet 1796 anstelle Madame
Royales nach Wien gekommen sein. Dort wurde sie in der ersten Zeit
weitgehend von der Öffentlichkeit abgeschirmt, da man nicht sicher sein
konnte, dass sie jemand von früher kannte, insbesondere französische
Emigranten, die sich am Hof Ludwigs XVI. aufgehalten und die echte Madame
Royale persönlich gekannt haben. Die Heirat mit Erzherzog Karl
kam jedoch nicht zu Stande. Sie heiratete 1799 in Mitau (heute Jelgava in
Lettland) zum Gefallen Ludwigs XVIII. ihren Cousin, den Herzog von
Angoulême, und trug fortan den Titel Herzogin von Angoulême.
Nach
einigen Jahren des Asyls konnte Ludwig XVIII. 1814 mit seinem Hofstaat, zu
dem nun auch Ernestine Lambriquet als Herzogin von Angoulême gehörte,
als König von Frankreich in Paris einziehen. Die Politik Ludwigs wurde
bis zu seinem Tod 1824 wesentlich von der Herzogin
mitgeprägt. Durch die Revolution von 1830 musste sie Frankreich
wieder verlassen. 1851 starb sie auf Schloss Frohsdorf bei Wiener Neustadt südlich von Wien. Begraben wurde sie in der bourbonischen
Familiengruft bei Nova Gorica (heute Slowenien). Siehe hierzu die |
![]() Leonardus Cornelius van der Valck |
Der Vertauschungstheorie folgend soll die echte Madame Royale hingegen von der politischen Weltbühne verschwunden sein. Es wird angenommen, dass sie für einige Zeit in der Schweiz blieb, vielleicht auf Schloss Heidegg im Kanton Luzern. Später begab sie sich möglicherweise zur Familie ihrer früheren Kindererzieherin Marquise de Tourzel auf Schloss Sourches bei Le Mans (Frankreich). Für die Vertreter der Vertauschungstheorie scheint weiter fest zu stehen, dass sie etwa 1799 unter den Schutz des holländischen Diplomaten Leonardus Cornelius van der Valck kam. Zusammen waren sie über mehrere Jahre in Europa "auf der Flucht": um 1800 in Gotha und Jena, später in Schweinfurt und Heidelberg, von 1803 bis 1804 in Ingelfingen, dann möglicherweise in Frankfurt am Main und Mainz, gegen 1806 womöglich in Keukenhof in der Nähe von Leiden (Niederlande) und nachweislich seit 1807 in Hildburghausen, wo man sie heute als "Dunkelgraf und Dunkelgräfin" bezeichnet. |
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Es steht außer Frage, dass sich die echte Prinzessin verbergen musste, um die Vertauschung nicht bekannt werden zu lassen. Da sie ihrer Mutter Marie Antoinette ähnlich gesehen haben soll, musste sie ihr Gesicht in der Öffentlichkeit durch einen Schleier verbergen. Hätte sie sich öffentlich gezeigt, hätte man die Ähnlichkeit mit der ehemaligen französischen Königin, deren Bild damals weit verbreitet war, bemerken können. Zudem wurden in Deutschland nach 1803 Bilder der echten Königstochter veröffentlicht. Womöglich wäre die Vertauschung dadurch bemerkt und der Wiener Hof, Ludwig XVIII. sowie die "falsche" Prinzessin bloßgestellt worden, so die Vertreter der Theorie. Zugleich war es wichtig, sich vor Napoleon zu verbergen. Hätte er oder seine in ganz Europa tätigen Agenten in Erfahrung gebracht, dass es einen Personentausch gegeben hat und die Herzogin von Angoulême eine "falsche" Prinzessin war, so dürfte ihm viel daran gelegen haben, die "echte" Prinzessin ausfindig zu machen, um damit die royalistischen Kräfte in und außerhalb Frankreichs zu diskreditieren. Demnach musste der Aufenthalt und die Person der Madame Royale stets geheim gehalten werden und man hat sie in Ingelfingen wie auch in Hildburghausen und Eishausen immer nur mit einem Schleier oder einer grünen Brille gesehen. Schließlich wird vermutet, dass – insbesondere nach der Heirat der falschen Prinzessin mit dem Herzog von Angoulême im Juni 1799, als die Vertauschung endgültig nicht mehr rückgängig zu machen war – bestimmten Kräften daran gelegen war, die echte Madame Royale aus Sicherheitsgründen ganz zu beseitigen. Denn sollte sich diese entschließen, in das öffentliche Leben zurückzukehren und ihre Ansprüche geltend zu machen, wäre der Betrug offenkundig geworden. Das zurückgezogene Leben war demnach auch ein Selbstschutz. |
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Indizien für die Vertauschungstheorie |
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Kritik an der Vertauschungstheorie |
![]() Titelbild Bilanz |
Die Theorie der Personenvertauschung um Madame Royale hat
sich seit ihrer ersten Veröffentlichung im Jahre 1852 hartnäckig
gehalten. Im Verlauf der Zeit schienen immer mehr Argumente und Indizien
für die Richtigkeit der Theorie zu sprechen, auch wenn ein
Beweis nicht gefunden werden konnte. Neue Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass die Theorie in der bisherigen Form nicht länger aufrechterhalten werden kann. So ist mittlerweile erwiesen, dass Ernestine Lambriquet nicht die Ersatzperson gewesen sein kann, da sie nach 1795 noch in Frankreich lebte, 1810 heiratete und 1813 verstarb. Eine ausführliche kritische Betrachtung der
einzelnen Indizien findet sich in dem Beitrag |
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Lösungsansätze |
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Zur Klärung der Frage, ob die Vertauschungstheorie zutrifft, gibt es mehrere Möglichkeiten: Eine relativ verlässliche
Methode zur Verifizierung der Vertauschungstheorie um Madame Royale bestünde in einem DNA-Test. Mit Hilfe dieser Untersuchung könnte
man eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen der Dunkelgräfin und
ihrer vermuteten Mutter Marie Antoinette belegen oder widerlegen. In
gleicher Weise wäre denkbar, die Unechtheit der Herzogin von Angoulême,
die in der Bourbonengruft des Franziskanerklosters
"Kostanjevica" bei Nova Gorica (Slowenien) begraben liegt,
mittels DNA-Test zu belegen. Ergäbe eine Untersuchung, dass sie nicht die
Tochter Marie Antoinettes gewesen sein kann, wäre dies ein wichtiges
Indiz für die Stimmigkeit der Vertauschungstheorie um Madame Royale. |
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© Interessenkreis "Madame Royale" - Letzte Aktualisierung am 02.06.2011